(Wochenendzusammenfassung)
Peking/Berlin, 20. Apr (Reuters) - Die weltweiten Proteste gegen die chinesische Tibet- und Menschenrechtspolitik haben in dem asiatischen Land eine Welle von Gegendemonstrationen ausgelöst. In mehreren chinesischen Städten versammelten sich am Wochenende Menschen zu Kundgebungen gegen eine Unabhängigkeit Tibets. Aus Protest gegen den Abbruch des Olympischen Fackellaufs in Paris forderten sie einen Boykott französischer Waren. Auch in Berlin und anderen ausländischen Städten kam es zu pro-chinesischen Demonstrationen. Die Regierung in Peking rief zu einer Mäßigung nationalistischer Äußerungen auf.
In der zentralchinesischen Stadt Wuhan wurden bei einem großen Protestzug am Samstag Transparente mit Forderungen wie "Gegen eine Unabhängigkeit Tibets, für Olympia" und "Sagt Nein zu französischen Waren" gezeigt. Ähnliche Aktionen gab es im südostchinesischen Hefei und der im Südwesten des Landes gelegenen Stadt Kunming, wo sich Demonstranten vor Filialen der französischen Supermarktkette Carrefour<CARR.PA> versammelten. In Peking lösten die Behörden kleinere Protestaktionen vor einem Carrefour-Markt und nahe der französischen Botschaft auf. Der französische Botschafter in China sagte einer Zeitung, er bedaure die Vorgänge beim Olympischen Fackellauf in Paris.
In Berlin demonstrierten nach Polizeiangaben rund 2800 Menschen gegen eine Politisierung der Olympischen Spiele in Peking. Sie kritisierten die Berichterstattung deutscher Medien, die mit Hilfe falscher Tatsachen Stimmung gegen die chinesische Tibet-Politik mache. Damit bezogen sie sich vor allem auf einen Nachrichtensender, der Fotos von Protesten in Nepal gezeigt und als aus Tibet stammend ausgegeben hatte.
In der thailändischen Hauptstadt Bangkok standen während des Olympischen Fackellaufs am Samstag Dutzenden Tibet- und Menschenrechtsaktivisten rund zweihundert Pro-China-Demonstranten gegenüber. Die Polizei mobilisierte Tausende Beamte, verzichtete aber auf eine Verlegung der Route des Laufs. In Australien, wo die Flamme am Donnerstag durch Canberra getragen werden soll, rief die Regierung angesichts geplanter Großaufmärsche beider Seiten zu friedlichen Formen der Meinungsäußerung auf.
Die staatlichen chinesischen Medien zitierten am Sonntag Universitätsprofessoren und Studenten, die dazu aufriefen, dem Patriotismus auf "rationalere" Weise als mit Protesten Ausdruck zu verleihen. China müsse angesichts zunehmender internationaler Verknüpfungen lernen, mit Konflikten umzugehen und das Ausland durch Freundlichkeit für sich zu gewinnen. Die Zeitung "Renmin Ribao", das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, rief in einem Kommentar dazu auf, mit Problemen gelassen umzugehen.
Dem Blatt "China Daily" zufolge wollen die Behörden Tibet einschließlich seiner buddhistischen Tempel bald wieder für ausländische Touristen öffnen. Das Nachbarland Nepal stationierte nach offiziellen Angaben zwei Dutzend Soldaten und bewaffnete Polizisten am Basislager des Mount Everest. Diese sollten pro-tibetische Proteste bei der geplanten Etappe der Olympischen Flamme auf den Gipfel des höchsten Bergs der Erde verhindern und dazu notfalls auch Gewalt anwenden.
dry/amc